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Schwarz auf weiss? Lesekognition
 
3.1 Psychophysiologie des Lesens
3.2 Sinnkonstruktion
3.2.1 Vorausgreifende Erwartungen
3.2.2 Der Rueckgriff auf Erfahrungen
3.2.3 Vertragsbrueche, oder was am Witz witzig ist
3.3 Kognition und Poetizitaet: Wenn das Lesen zum Spiel wird

 
Nach diesem Einblick in die grundlegenden Prozesse der
menschlichen Wahrnehmung, befasst sich der folgende Abschnitt
mit einem Sonderfall visueller Wahrnehmung – der Lesekogni-
tion. War bisher eher oberflaechlich von Identifikation
und Interpretation die Rede, soll nun praeziser auf diese
Begriffe eingegangen werden. Hierbei spielt insbesondere
die Funktion von Schriftzeichen als Bedeutungsvermittler eine
Rolle, aber auch die komplexen Interaktionsprozesse, die
zwischen Leser und Text stattfinden.
Sabine Gross hat in ihrem Buch "Lese-Zeichen" (1994)
die Ablaeufe von Leseprozessen untersucht, und die Ansaetze
unterschiedlicher Disziplinen zu einem analytischen Modell
verknuepft, das sich mit dem Lesen von Schrift und Bild
befasst. Dabei werden beide Bereiche separat voneinander,
aber auch ihr Zusammenwirken betrachtet. Im folgenden Teil
werden viele Erkenntnisse und Ueberlegungen Gross' heraus-
gegriffen, und bilden die Basis, fuer eine Betrachtung der
komplexen Wirkungsweise von Schriftzeichen und anderen
Zeichentraegern.
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3.1 Psychophysiologie des Lesens



"Die Augen nehmen Informationen nur waehrend der Fixations-
perioden auf, die durch ruckartige Vorwaerts- und
Rueckwaertsbewegungen – sogenannte Saccaden – unterbrochen
und zugleich miteinander verbunden werden. Die Dauer der
Saccaden liegt bei ca. 15 Millisekunden; fuer die Fixation
betraegt der Durchschnittswert 250 Millisekunden, doch die
tatsaechliche Fixationszeit schwankt erheblich. (...)
Dauer und Ort der Fixierungen werden von einer Reihe von
Faktoren beeinflusst. Zunaechst tasten die Augen keineswegs
jeden Buchstaben ab, ja nicht einmal jedes Wort. Peripher
aufgenommene Informationen zur raeumlichen Anordnung des
Textes und der Laenge von Worten spielen eine Rolle fuer die
jeweilige Groesse der Saccade und den Ort der naechsten
Fixation – laengere Woerter werden mit groesserer Wahr-
scheinlichkeit fixiert als kurze, und die Fixierung liegt
meist in der Mitte des Wortes."
Bis in die 1970er Jahre ging man davon aus, dass die
Augenbewegungen unabhaengig vom Leseinhalt erfolgen. Diese
These wurde seitens der Textlinguistik und der experimentellen
Psychologie allerdings widerlegt. An ihre Stelle trat ein
semantisches Modell. Das heisst, Inhalt und Bedeutung des
Gelesenen haben Einfluss auf die physischen Ablaeufe, wie
z.B. die Augenbewegung. Auch der zeitliche Ablauf des Prozesses
(Physis) steht mit den kognitiven Prozessen (Psyche) in
Zusammenhang. Allen gegenwaertigen Lesetheorien ist, so Gross,
die Grundannahme gemein, dass sich kognitive und visuelle
Prozesse beim Lesevorgang nicht trennen lassen.
"Haeufigkeit, raeumliche Spannweite und Richtung der
Saccaden haengen von der formalen  Struktur des Textes und
des Textverstaendnisses ab." Sowohl die Intention des
Lesers (selektives, ueberblickendes oder gruendliches Lesen),
als auch das, durch aufgenommene Informationen aktivierte,
Wissen beeinflusst die Augenbewegung. Wohin das Auge bei
der naechsten Fixation springt, wird durch diese Faktoren
konkret gesteuert. Dabei ist die Dauer einer Wortfixation
nicht proportional zur Wortlaenge, sondern wird, vor allem
durch die Aspekte Haeufigkeit, Vertrautheit und Erwartbarkeit
des Wortes, bestimmt.
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3.2 Sinnkonstruktion



"Das Lesen eines Wortes hat zwei Komponenten: Das visuelle
Muster, also die Erscheinungsform des Wortes, wird identi-
fiziert und enkodiert (sic), und die Bedeutung des Wortes
wird im inneren 'Lexikon' abgerufen." Eine Sinnkonstruktion
findet also nicht erst nach Erfassen eines ganzen Satzes,
oder Abschnittes statt, sondern erfolgt fortlaufend, waehrend
des Lesens und immer sobald sich die Gelegenheit dazu bietet.
Weiter wird angenommen, dass Woerter als Wortbilder, also
als visuelle Muster, gespeichert und wieder abgerufen werden,
und nicht etwa Buchstabe fuer Buchstabe gelesen werden.
Hierfuer spricht auch der "bereits 1885 erstmals experimentell
belegte 'Wortueberlegenheits-Effekt,'" nach dem in einer
Zeitspanne von zehn Millisekunden "maximal vier Buchstaben
(...), aber zwei ganze Woerter" erkannt werden.
Waehrend sich fruehere Lesemodelle bei dem Thema Worterken-
nung auf einen, der zwei gegenlaeufigen Prozesse bottom up
oder top down, beschraenkten, ist man heute zu der Annahme
gelangt, dass "nur 'interaktive' Lesemodelle der Komplexitaet
des Leseprozesses gerecht werden." Mittelweile wird davon
ausgegangen, dass waehrend der Worterkennungsprozesse,
Identifikation und Interpretation, ein staendiges Wechselspiel
zwischen "top-down-Erwartungen und bottom-up-Dekodierung"
stattfindet. Die Experimente, die dieser These widersprechen,
messen lediglich die Erkennungs­geschwindig­keiten von
Woertern. Sie beschraenken sich auf die Identifikation,
beruecksichtigen also den "Kontextfaktor und seinen erheblichen
Einfluss auf den Lesevorgang" ueberhaupt nicht.
Ihre Aussagekraft ist daher, laut Gross, aeusserst gering.
Obwohl die Sinnkonstruktion waehrend des Lesens schnell,
und weitgehend automatisch erfolgt, und sich damit sowohl
dem Bewusstsein, als auch der Selbstbeobachtung entzieht,
handelt es sich um einen aeusserst komplexen Vorgang:
"Dass die Textverarbeitung dennoch bei jedem Schritt von
den aufgenommenen Informationen beeinflusst wird, ist
experimentell belegt." "Den theoretischen Grundannahmen
des 'kognitiven Konstruktivismus', der sich im letzten
Jahrzehnt durchgesetzt hat, liegt denn auch die Erkenntnis
zugrunde, 'dass Textrezeption nicht (nur) passives
Aufnehmen (Decodieren) der Textsemantik, sondern aktive
Textverarbeitung ist.'"
Diese These wird nicht nur durch die bekannten, im voran
gegangenen Kapitel erlaeuterten, menschlichen Manipulations-
prozesse waehrend der Sinnkonstruktion gestuetzt, sondern
auch durch Versuche im Feld der kuenstlichen Intelligenz,
Computern, programmbasiert das Verstaendnis einfachster Texte
beizubringen. Die hierbei auftretenden Schwierigkeiten nutzt
Gross zur Differenzierung zweier Begrifflichkeiten:
naemlich, dass sich 'automatisch' keineswegs mit 'mechanisch'
gleichsetzen lasse.
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3.2.1 Vorausgreifende Erwartungen



Das "Leseverstaendnis laesst sich nicht auf schematische
Zuordnungen und Mechanismen reduzieren, sondern operiert
vielmehr mit einer Vielzahl von Strategien, die Oekonomie
mit Flexibilitaet verbinden und ein breites Spektrum
verschiedener Informationsebenen auswerten. Es werden
unablaessig neue Informationen aktiviert und Hypothesen
gebildet, die sich entweder bestaetigen oder modifiziert
werden muessen. Bereits das visuelle Abtasten findet daher
als staendige Folge von vorausgreifenden Erwartungen und
rueckwirkenden Korrekturen statt."
Es handelt sich also um eine Vielzahl von Entscheidungs-
prozessen, die kontinuierlich erfolgen. Die Semantik und
die Syntax des Textes schaffen ein "Relationsgefuege", das
dem Leser als "Wegweiser" zu vorausschauender Sinnkon-
struktion dient. So weckt schon die "syntaktische Ordnung"
Erwartungen,und gibt gezielte "Handlungsanweisungen". Das
Umstellen der Woerter, innerhalb eines Satzes, veraendert
zum Beispiel die Satzaussage. Und auch die einzelnen Woerter
verweisen nicht nur auf ihre eigene Bedeutung, sondern
rufen beim Leser konkrete Annahmen hervor.
Gross verdeutlicht diese Tatsache anhand unterschied-
licher Beispiele, wie z.B. Verben, die so genannte Kasusrollen
definieren: So setzt ",werfen' (...) einen Akteur und ein
Objekt voraus, ,geben' einen Handelnden, einen Rezipienten
und ein Objekt." Der Leser erwartet also schon vor
Aufnahme aller Informationen eine bestimmte Aktion oder
einen weiteren Situationsverlauf. 
Auch ein Artikel kann vorhersehbare Erwartungen provo-
zieren. So laesst "Der" beispielsweise erwarten, dass ein
maennliches Substantiv folgen wird. Da stets mit Wahrschein-
lichkeiten, und nicht etwa mit Gewissheiten operiert wird,
muss eine getroffene Hypothese mitunter revidiert werden.
Der Leser trifft staendig Entscheidungen, aktualisiert die
aufgenommenen Informationen und ordnet sie ggf. neu zu.
Dabei behaelt er nicht alle Interpretationsmoeglichkeiten
im Hinterkopf, sondern entscheidet sich vorlaeufig fuer
das Wahrscheinlichste: "Erwiesen ist, dass bei Woertern
mit mehreren Bedeutungen zunaechst kurzzeitig alle Bedeutungen
aktiviert werden. Aufgrund von Kontext, Erwartungen
und Wahrscheinlichkeit wird allerdings sehr schnell eine
Entscheidung fuer eine Moeglichkeit getroffen und die
Alternativen werden desaktiviert (sic)." Diese "Verwandlung
von Mehrdeutigkeit in Eindeutigkeit entlastet das
Kurzzeitgedaechtnis, das nur ca. sieben 'Informationshappen'
gleichzeitig speichern kann". << top


3.2.2 Der Rueckgriff auf Erfahrungen



Bisher wurde der Begriff "Bedeutung" selbstverstaendlich
und undefiniert verwendet. Man geht davon aus, dass es klar
sei, was die Bedeutung von Bedeutung ist, ebenso wie man
sich darueber einig zu sein scheint, was die Bedeutung der
Worte unserer Sprache ist. Dies ist jedoch keineswegs immer
der Fall. Die Angaben in einem Woerterbuch bilden lediglich
die haeufigste Bedeutung des jeweiligen Wortes ab. In der
alltaeglichen Verwendung, in Texten, ist die Bedeutung der
Worte aeusserst flexibel und subjektiv. Neben dem linguisti-
schen Wissen, verknuepfen wir jedes einzelne Wort mit unserem
persoenlichen Erfahrungshorizont. Ebenso, wie wir
syntaktische Bezuege herstellen, findet die Interpretation
von Woertern immer im Kontext unseres Wissens statt. Das
erklaert auch, wieso wir haeufig Schlussfolgerungen ziehen,
die uns der eigentliche Text gar nicht liefert.
Gross zitiert folgendes Beispiel: "Der Satz 'Er flog nach
Kairo' [kann] je nach Kontext unterschiedlich interpretiert
(...) werden. In der Gegenwart waere die korrekte Annahme
ein modernes Passagierflugzeug. Gaelte die Aussage fuer die
30er Jahre, machte sie den Protagonisten automatisch zum
Flugpionier im Doppeldecker; und im Kontext eines Maerchens
waere die plausibelste Annahme ein fliegender Teppich."
Im Text selbst ist potenziell ein Universum an Bedeutungen
enthalten. Erst der Leser bringt durch sein Vorwissen,
und die konkrete Lesesituation, die Informationen ein, die
das Textverstaendnis erheblich erleichtert. "Dieses Wissen
ist haeufig systematisch organisiert." Der Rueckgriff
auf so genannte Superstrukturen, Szenarien oder Schemata
sorgt dafuer, dass angedeutete Handlungsablaeufe vom Leser
in einen, bereits bekannten, Kontext gestellt (wie
morgendliche Routine, Restaurantbesuch, Kindergeburtstag,
etc.), und bestimmte Erwartungen an den weiteren Verlauf
geweckt wuerden.
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3.2.3 Vertragsbrueche oder was am Witz witzig ist



Diese "top-down-Interpretationen" erleichtern das Lesen,
allerdings nur so lange, wie sich der Text an das vorausge-
sehene Schema haelt. Stehen die beschriebenen Handlungs-
ablaeufe in keinem logischen Zusammenhang, verlangsamt
sich das Lesetempo deutlich, und der Leser versucht, mittels
ergaenzender Vermutungen, eine sinnvolle Interpretation zu
finden. Dies erklaert auch laengere Lesezeit am Beginn
von Erzaehltexten: Bis der Leser "die entsprechende Erzaehl-
grammatik aktiviert" hat, erfolgt das Textverstaendnis
langsamer. Bedient sich der Text eines Schemas, das dann nicht
in der erwarteten Reihenfolge fortgefuehrt wird, widersetzt
sich der Leser sogar, indem er die "Ordnung umarrangiert".
Versuche haben gezeigt, dass bekannte Routinen, in falscher
zeitlicher Abfolge beschrieben, vom Leser korrigiert, und
in "richtiger" Reichenfolge nacherzaehlt werden.
"Wie wirksam die beschriebenen Strategien sind, zeigt
sich daran, dass sie nur in Ausnahmefaellen zusammenbrechen.
Eben das bedeutet 'automatisch': nicht vom Bewusstsein
gesteuert, so dass kein Aufwand, keine Aufmerksamkeit (...)
notwendig ist." In der Alltagskommunikation erwarte
der Leser von einem Text, dass dieser ihm sinnvoll und
zweckmaessig relevante Informationen mitteilt. Diese
Erwartungshaltung fasst Sabine Gross unter dem Begriff des
"Vertrages" zwischen den Kommunikationspartnern zusammen.
Sie stellt an dieser Stelle erneut heraus, dass der Leser
mittels diverser Strategien eine aktive Bedeutungskonstruktion
vornimmt: Menschen schaffen Sinn, "weil und indem sie ihn
erwarten, und zwar nicht nur in Texten."
Waehrend Unklarheiten und Mehrdeutigkeiten in Informa-
tionstexten ein Kommunikationshindernis darstellen und
vom Leser gar als lesefeindlicher Vertragsbruch interpretiert
werden, kann das Legen einer falschen Faehrte in anderem
Zusammenhang den besonderen Reiz eines Textes ausmachen:
So spielen Wortwitze haeufig gezielt mit voraus greifenden
Erwartungen des Lesers: Zuerst wird durch einen bestimmten
Kontext eine (der moeglichen) Hypothese aktiviert, die sich
im weiteren Verlauf als falsch erweist. Es muss zurueck-
gesprungen und eine neue Interpretation konstruiert werden.
Die Einsicht des Lesers, dass er der Taeuschung des Textes
erlegen ist und sich zur Konstruktion eines falschen
Sinns hat animieren lassen, macht einen solchen Text erst
komisch. "Die Kommunikationswirkung beruht also auf der
Komplementaritaet und dem Wechselspiel von Lesestrategien
und Textstrategien." Dabei erwarten Leser, auch ohne
konkrete Kenntnis der Intention des Autors, in jedem Text
"zumindest eine passive Kooperation in der Sinnkonstruktion." << top